Ztracená paměť? Verlorenes Gedächtnis?

Zapomenuté místa nucené práce v České republice
Vergessene Orte der Zwangsarbeit in der Tschechischen Republik

Die NS-Zwangsarbeit erstreckte sich nicht nur auf das “Altreich”, sondern sowohl auf die 1938 nach dem Münchener Abkommen von der Tschechoslowakei abgetretenen Grenzgebiete, als auch auf das im März 1939 nach dem Einmarsch der Wehrmacht errichteten Protektorat Böhmen und Mähren. Immer neue Personengruppen wurden Opfer eines immer differenzierteren Systems der NS-Zwangsarbeit. Die industrialisierten Grenzgebiete Böhmens und Mährens entwickelten sich in der zweiten Kriegshälfte zu den am stärksten von NS-Zwangsarbeit charakterisierten Regionen im deutschen Machtbereich. Neben etwa 40.000 KZ-Häftlingen in 38 KZ-Außenlagern wurden allein im Sudetengau über 300.000 (ca. 230.000 Zivilarbeiter und 70.000 Kriegsgefangene) Menschen aus ganz Europa zur Zwangsarbeit verschleppt. Im Gegensatz zu den Grenzgebieten kamen auf Protektoratsgebiet keine ausländischen Zwangsarbeiter zum Einsatz.

Ausstellungskonzept
Die bilinguale (deutsch-tschechisch) Ausstellung wirft am Beispiel von 18 exemplarisch ausgewählten Orten in der Tschechischen Republik einen multiperspektivischen Blick auf die NS-Zwangsarbeit. Anhand dieser Orte wird die Topografie der NS-Zwangsarbeit aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben. Aktuellen Bildern der Orte werden Zeitzeugenaussagen, Bilder von Objekten und historische Fotografien gegenübergestellt, die in einem Zusammenhang mit der NS-Zwangsarbeit und den Nachkriegsdiskursen stehen. Die Wanderausstellung ist unter dem Gesichtspunkt einer laufenden Erweiterungsmöglichkeit konzipiert.

Im Rahmen der Ausstellung wird den Orten ein Teil ihrer Geschichte zurückgegeben, die in Verbindung mit der NS-Zwangsarbeit steht. Eine besondere Rücksicht wird auf die politischen und sozialen Veränderungen und Verwerfungen des Landes zwischen 1938 und 1948 genommen. Bei der Materialauswahl wurde neben tschechischen Opfern speziell auch Ausländern, die zur NS-Zwangsarbeit auf das Gebiet der Tschechischen Republik verschleppt wurden, ein gebührender Platz eingeräumt, um die europäische Dimension der NS-Zwangsarbeit zu verdeutlichen. Die Ausstellung will eine gesellschaftliche Diskussion über mögliche Erinnerungsformen an Gewalt und Verbrechen anregen. Traditionelle nationale Diskurse werden am Beispiel der NS-Zwangsarbeit zu überdenken sein. Auch die Perspektive der nach 1945 vertriebenen Zeitzeugen wird berücksichtigt. Bestehende Geschichtsdiskurse in Frage zu stellen und eine neue Diskussion zu Fragen der Erinnerung an “fremde Opfer” (nichttschechische NS-Zwangsarbeiter), fremder Gewalt (durch das NS-System), die sich mehrheitlich in den Grenzgebieten der Tschechischen Republik ereignete, sehen wir als die größte Herausforderung des Projektes.

 

Alfons Adam promovierte 2008 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und hat seinen Forschungsschwerpunkt in den deutsch-tschechischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowie zum NS-Regime auf dem Gebiet der Tschechischen Republik. Seit 2008 ist er als Historiker am Institut Theresienstädter Initiative in Prag tätig und wechselt zum 1. April 2016 zum Institut zur Erforschung totalitärer Regime in Prag. Adam ist Kurator und Rechercheleiter der deutsch-tschechischen Wanderausstellung “Verlorenes Gedächtnis? Vergessene Orte der NS-Zwangsarbeit in der Tschechischen Republik”.

Dr. Alfons Adam, Institut Terezínské iniciativy Praha / KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

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