„Er hat alles gekonnt, wenns sein hat müssen, er war ein fleißiger Mann“

Wie Nachkommen von NS-Zwangsarbeiter_innen in Deutschland Zwangsarbeit und deren Nachwirkungen erinnern

In meinem Vortrag werde ich die Frage thematisieren, wie Familien von NS-Zwangsarbeiter_innen im ländlichen Bayern die Zwangsarbeit und deren Nachwirkungen erinnern. Stanislaus Stepień (1989) wies auf die Situation der “Alteingesessenen Fremden” hin, die zur Zwangsarbeit in das Gebiet des Deutschen Reiches verschleppt worden waren und nach dem 2. Weltkrieg häufig mit dem Status der “Heimatlosen Ausländer” weiter in Westdeutschland lebten. Die meisten der Interviewten leben noch heute in den Dörfern, in denen ihre aus Polen, der Ukraine und der Sowjetunion stammenden Eltern oder der Ehemann Zwangsarbeit leisteten.

Fragt man nun generell nach Erinnerung an NS-Zwangsarbeit im ländlichen Bayern, fällt ein Paradox auf: Das Thema “NS-Zwangsarbeit” ist den üblichen Erinnerungsorten, also Ritualen, Ausstellungen, Filmen, historischen Festspielen und Ortschroniken weitgehend abwesend (wenn es auch sehr vereinzelt regionale Initiativen gibt, die an NS-Zwangsarbeit in den jeweiligen Orten erinnern). Selbst in professionellen Ausstellungen, in Literatur und Film ist agrarische Zwangsarbeit bundesweit (und vermutlich auch in anderen europäischen Ländern) eher Randthema. Dennoch gibt es im Untersuchungsgebiet leicht abrufbare Erzählungen zu NS-Zwangsarbeit: Erinnerungen an NS-Zwangsarbeit werden auf dem Land mündlich, habituell und interaktiv tradiert.

Um diese Erinnerungen analysieren zu können, arbeitete ich ethnographisch, mittels Interviews, Gruppengesprächen, teilnehmenden Beobachtungen und Archivrecherche, und berücksichtigte für diese Erinnerung wichtigen Kommunikationsformen, zum Beispiel Klatsch. Es wird auf dem Land in einer relativ kleinen Gruppe erinnert, diese Erinnerung funktioniert ähnlich interaktiv wie das Familiengedächtnis. Die mündlichen Erzählungen und Gespräche, die durch Wiederholung gefestigt werden, sind das Medium auf dem Land, das das Erinnern und Vergessen von NS-Zwangsarbeit transportiert.

Im Vortrag werde ich darauf eingehen, wie wichtig das Konzept von Arbeit bei der Erinnerung an Zwangsarbeit für die Nachkommen ist: “Mein Vater war immer fleißig” und wie gut sich – in der Deutung der Interviewten – die Eltern durch ihren Arbeitsethos ihre Zugehörigkeit zur bayerischen Gesellschaft erarbeiten konnten. Bezüge zu den Herkunftsfamilien der Eltern in Polen und der Ukraine wurden meist abgebrochen. Dennoch gibt es “Nischen der Erinnerung” für die Nachkommen von Zwangsarbeiter_innen im ländlichen Bayern, die sich von der hegemonialen Erinnerung im ländlichen Bayern unterscheiden: Die Interviewten nehmen Bezug auf transnationale Erinnerungsorte, etwa die KZ-Gedenkstätten Auschwitz und Dachau und die Fernsehserie “Holocaust”. Diese Erinnerungsorte werden im ländlichen Bayern sonst nicht thematisiert.

 

Angelika Laumer studied Political Science in Berlin and Lyon/France and now does her Phd on remembering and forgetting forced labour in rural Bavaria/Germany. Her research interests are: forced labour in agriculture, post-war history/”Heimatlose Ausländer” in West Germany, ethnography, habitus, rural areas.

Angelika Laumer, Berlin/Gießen

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