“Zwangsarbeit 1939-1945” – Ein Interview-Archiv als transnationaler Erinnerungsort?

Die nationalsozialistische Zwangsarbeit ist ein komplexer, vielfach traumatischer Teil der Geschichte Europas und verlangt nach einer transnationalen Erinnerungskultur. Als Träger einer europäischen Erinnerung können im – zunehmend digitalen – 21. Jahrhundert internetgestützte Archiv- und Bildungsprojekte dienen, wenn es ihnen gelingt, statt eines universellen Europa-Diskurses vielmehr die gemeinsame Hinterfragung nationaler Narrative zu fördern.

Am Beispiel des über das Internet zugänglichen Interview-Archivs “Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerungen und Geschichte” werden Chancen und Herausforderungen solch eines geteilten Gedächtnisses beleuchtet. In dieser Sammlung erzählen fast 600 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen unterschiedlicher Opfergruppen aus 26 Ländern ihre individuellen Erinnerungen. Die lebensgeschichtlichen Audio- und Video-Interviews in 25 verschiedenen Sprachen zeigen, dass die nationalsozialistische Zwangsarbeit trotz ihrer europäischen Dimension in den nationalen Helden-, Opfer-, Widerstands- und Kollaborationsdiskursen sehr unterschiedlich präsent ist.

Das Interview-Archiv zielt in Sammlungsinhalt und Arbeitsweise auf die Erarbeitung einer gemeinsam geteilten Geschichte – von der Entstehung über die Online-Präsentation bis zur Bildungsarbeit. Der Beitrag beleuchtet Ansätze und Probleme einer solchen geteilten Erinnerung in Bezug auf vier Phasen und Aspekte:

  1. Die Entstehung der Sammlung aus einem internationalen Oral-History-Projekt mit 32 verschiedenen Interviewprojekten, die die Erinnerungsperspektiven in ihrer Verschiedenheit, auch nationalen Begrenztheit sichtbar macht.
  2. Die digital unterstützte kollaborative Erschließung in einem multilingual angelegten Online-Archiv durch ein mehrsprachiges Erschließer-Team, mit der Erinnerungskultur in den Kontext der Digital Humanities tritt.
  3. Die Konzeption nationaler Lernumgebungen für eine länderspezifische Bildungsarbeit, die die gemeinsam geteilte Geschichte der NS-Zwangsarbeit der jungen Generation anschaulich vermitteln soll.
  4. Die räumliche Dimension von Erinnerungen, der mit verschiedenen Strategien nachgespürt wird: durch die Kartierung lebensgeschichtlicher Erinnerungen, durch ihre interaktive Lokalisierung mit mobilen Apps und durch die pädagogische Kooperation mit Gedenkstätten.

Cord Pagenstecher ist Historiker und promovierte 2003 zur Visual History des bundesdeutschen Tourismus. Seit 2008 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin (CEDIS). Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Konzeption, Erarbeitung und Betreuung von Online-Archiven, Bildungsmaterialien und Smartphone-Apps mit Zeitzeugen-Interviews, insbesondere für das Webportal “Zwangsarbeit 1939-1945” (www.zwangsarbeit-archiv.de).

Cord Pagenstecher, Center für Digitale Systeme, Freie Universität Berlin

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