Trügerische Idylle. Möglichkeiten und Grenzen bei der Arbeit mit Fotografien ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter

Audio anhören:

Portrait of David Rojkowski

Abstract:

Ist es in der heutigen Erinnerungskultur und im Kulturbereich allgemein möglich, ohne Bilder zu arbeiten? Es gibt wohl kaum eine historische Ausstellung oder Unterrichtsmaterialien, die ohne Bilder auskommen könnten. Beim Versuch, über die NS-Zwangsarbeit mit Bildern zu sprechen, wird jedoch ein grundsätzliches Problem sichtbar: Man kann wunderbar mit Fotografien ein Ereignis festhalten. Man kann es dokumentieren, Details einfangen, den “entscheidenden Moment”, von dem Cartier-Bresson sprach, treffen oder einfach das Foto gut inszenieren. Das Problem bei der visuellen Dokumentation der Zwangsarbeit ist jedoch, dass es sich bei Zwangsarbeit um kein Ereignis, sondern um einen jahrelangen Prozess handelt. Das Ausmaß und die Folgen der Zwangsarbeit sind auf den Fotos schlicht nicht erkennbar. Nichtsdestotrotz existiert ein großer Pool an Fotografien zu diesem Thema. Und man kann sie auch benutzen. Die Frage ist nur: wie?

Möchte man Fotografien als historische Quellen verwenden, muss man sie auch so behandeln. Das heißt in erster Linie: quellenkritisch. Allerdings besitzen Fotografien meistens kein Deckblatt mit Datum, Autor und Empfänger und wenn die Rückseite blank ist, steht man vor einem Rätsel. Mit archäologischer Sorgfalt müssen die Bilder erschlossen und erforscht werden. Außer den technischen Gegebenheiten eines Abzuges, sollten daher auch Fragen nach dem Fotografen/Auftraggeber, Zeitpunkt und Ort, Inhalt und Zweck des Bildes gestellt werden. Und ob das Bild veröffentlicht wurde und wenn ja, wann und wo.

Des Weiteren gibt es mehrere Möglichkeiten, die existierenden Bilder zu kategorisieren: nach ihrem Urheber, ihrer Funktion oder ihrem Inhalt. Paradoxerweise existieren nicht viele Fotos von der Zwangsarbeit selbst. Nur auf den wenigsten wird tatsächlich gearbeitet. Oftmals posiert die Belegschaft. Diese Diskrepanz zwischen den abgebildeten und tatsächlich herrschenden Verhältnissen wird noch größer, betrachtet man die Propaganda-Aufnahmen, die beispielsweise zur Anwerbung von Arbeitskräften aus Osteuropa angefertigt wurden. Was diese Bilder auszeichnet, ist die krasse Idyllisierung und Beschönigung der Verhältnisse im Reich.

Daneben gibt es u.a. noch erkennungsdienstliche Aufnahmen sowie Privatfotos. Die Schwierigkeit im Umgang mit letzteren beruht darin, dass sie meistens Zwangsarbeiter in ihrer Freizeit zeigen. Die Menge der Freizeit-Bilder steht dabei in keinem Verhältnis zu der tatsächlichen freien Zeit, die den Zwangsarbeitern zur Verfügung stand. Zudem sind die wesentlichen Sphären des Alltags der Zwangsarbeiter auf den Fotos nicht zu sehen – die Willkür der Arbeitgeber, die schlechte Ernährung, die Schwere der Arbeit. Möchte man dennoch im erinnerungskulturellen Bereich mit Bildern arbeiten, ist es dringend notwendig, diese Bilder zu kommentieren und ihren Entstehungskontext sorgfältig nachzuzeichnen. Sonst droht die Gefahr, sich in die Bildsprache der NS-Propaganda zu verstricken.

 

David Rojkowski studierte Soziologie an der Universität Hamburg und Fotografie beim Polnischen Verband der Kunstfotografen in Warschau. Momentan ist er Redakteur bei Leica Fotografie International in Hamburg.

David Rojkowski, Hamburg
Tagged on:     

Leave a Reply