Portugiesische Zwangsarbeiter im Dritten Reich

Unter den etwa 13 Millionen Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs freiwillig oder unter Zwang mit ihrer Arbeitskraft die deutsche Kriegswirtschaft in Gang hielten, befanden sich auch Angehörige von nicht kriegführenden oder neutralen Staaten wie Spanien, Irland, Türkei, Schweden, der Schweiz und Portugal. Ist das Schicksal der in den Niederlanden, Griechenland und Frankreich lebenden Juden portugiesischen Ursprungs während des Holocausts bereits gut erforscht, so verbarg sich bisher die Geschichte der Portugiesen, die während der Kriegsjahre in Deutschland freiwillig arbeiteten oder gegen ihren Willen dorthin verschleppt wurden im Dunkeln der Archive.

Im Jahr der Machtergreifung Adolf Hitlers schuf António de Oliveira Salazar den Estado Novo, eine von ihm geführte Diktatur mit klaren Parallelen zu den faschistischen Systemen italienischer und deutscher Prägung. Während er das Bestehen seines Regimes direkt mit dem des Kolonialimperiums in Übersee verknüpfte, verfolgte Salazar außenpolitisch einen Kurs, der sich immer wieder auf die erklärte Neutralität berief. Gestützt auf seine politische Polizei (PVDE) verfolgte der Estado Novo systematisch seine Gegner. Viele flüchteten nach Frankreich, wo bereits eine Kolonie von etwa 30.000 portugiesischen Wirtschaftsemigranten lebte. Mit Francos Sieg in Spanien vergrößerte sich die Gesamtzahl der in Frankreich lebenden Portugiesen noch weiter. Mit dem Runderlass 343-S. S. (17.4.1939) verwehrte das Regime den Portugiesischen Kämpfern der Internationalen Brigaden die Rückkehr in ihre Heimat: Sämtliche Spanienkämpfer wurden beim Versuch des Grenzübertritts sofort verhaftet und nach Lissabon überführt. Gemeinsam mit ihren spanischen Kameraden marschierten sie daher nach Frankreich weiter, wo sie in Internierungslagern auf ihr weiteres Schicksal warteten.

Die Niederlage Frankreichs und die sich daran anschließende Besetzung Frankreichs brachte für die meisten Portugiesen eine dramatische Wende in ihrem Leben. Viele, die als Soldaten in der Französischen Armee gekämpft hatten, endeten in den deutschen Stalags. Andere meldeten sich angesichts der ständig zunehmenden Arbeitslosigkeit freiwillig zu einem befristeten Arbeitsaufenthalt in Deutschland. Ab 1942 jedoch wurden erst im Zuge der Relève, später aufgrund der allgemeinen Razzien immer mehr Portugiesen gegen ihren Willen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Am schlimmsten traf es die in den Lagern Südfrankreichs festgehaltenen ehemaligen Spanienkämpfer. Während einige von ihnen ihr Glück im freiwilligen Eintritt in die Organisation Todt suchten, endeten andere in deutschen Konzentrationslagern wie Dachau, Sachsenhausen oder Mauthausen.

Was wusste der portugiesische Staat von diesen Vorgängen, wie reagierte er? Was wissen wir heute über diese Menschen, von denen auch in der portugiesischen Gesellschaft jegliche Erinnerung fehlt? Dieser Vortrag versucht, ein Zwischenfazit über die bisher erzielten Ergebnisse zu präsentieren.

 

Ansgar Schäfer lebt seit 1990 in Lissabon, wo er an der Universidade Nova mit einer Dissertation über die Wechselbeziehungen zwischen historischem Dokumentarfilm und Geschichtswissenschaft promovierte. Gegenwärtig ist er stellvertretender Koordinator des Forschungsprojektes über portugiesische Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland. 

Dr. Ansgar Schäfer, Universidade Nova de Lisboa, Lissabon
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