Virtueller Stadtführer: Jüdische Zwangsarbeiter in Wien

Ausgehend von einer, vom Wiener Wiesenthal für Holocaust-Studien (VWI) organisierten, als Intervention im öffentlichen Raum konzipierten Busfahrt und Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an ungarische-jüdische Zwangsarbeit in Wien 1944/45 im Mai 2014, begann ein Team von Forscherinnen und Forschern im Umfeld des VWI, auf der Basis eines virtuellen Wiener Stadtplanes eine Homepage zu den einzelnen Standorten, Lagern, Arbeitsplätzen, medizinischen Versorgungsstellen sowie Verkehrsrouten dieses vergessenen oder bisher kaum beachteten Kapitels der Wiener NS-Geschichte zu gestalten.

Dabei geht es um den Versuch, die Leidensgeschichte jener fast 18.000, von Horthy-Ungarn als Juden diskriminierten Menschen zu beschreiben, die in den letzten Monaten des Jahres 1944 unter verschiedenen Rechtstiteln, offiziell als Leihgabe des ungarischen Staates, aber real als Zwangsarbeiter in Industrie-, landwirtschaftliche und gewerbliche Klein- und Mittelunternehmen sowie Rüstungsbetriebe nach Wien und Umgebung verschleppt worden waren: Gemeinsam war diesen oft in Familienverbänden Deportierten, dass sie nicht in Konzentrationslagern interniert waren, sondern auf kleinere Wohnlager oder auf forst- und landwirtschaftliche Güter verteilt wurden, sie darüber hinaus auch Zugang zu einer rudimentären Krankenversorgung hatten. Dennoch spielte die Frage, in welchem Betrieb oder auf welchem Gut die Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter untergebracht waren und wie die jeweilige Betriebsführung mit ihnen umging, eine zentrale Rolle für deren Bewegungsfreiheit und (Über)Lebensbedingungen. Die Stadt Wien war – waren doch viele dieser Sklavenarbeiter nicht nur in Privatbetrieben, sondern auch in städtischen Unternehmungen zwangsverpflichtet – dabei einer der Hauptprofiteure: Dennoch ist diese Geschichte bis heute weder im städtischen historischen Bewusstsein noch in der kritischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Gemeinde umfassend und nachhaltig präsent.

Nach der Fertigstellung eines Grundmoduls wurde das – nunmehr von der EVZ geförderte – Projekt um einige Fragestellungen erweitert. Neben der Erweiterung der Homepage auf alle bis dato bekannten Orte, an denen Zwangsarbeit stattfand oder sich Zwangsarbeiter befanden, ist es das Ziel, diese Geschichte mithilfe virtueller, kombinierbarer und interativer Elemente in die Chronik der Stadt hineinzuheben, sie zu ‘relokalisieren’ und damit das Wissen um diese fast vergessene bzw. nur rudimentär erinnerte Geschichte sowohl in Österreich und Ungarn als auch in Deutschland zu reetablieren. Konkret soll das genannte Thema unter Zuhilfenahme von Materialien aus öffentlichen und privaten Archiven, audiovisuellen Quellen, Fotografien und Karten etc. topografisch verortet und somit wieder in die Stadtgeschichte eingeschrieben werden.

Resultat wird ein zweisprachiger – Deutsch und Ungarisch –, vielfach einsetzbarer, für lokale Bedürfnisse adaptierbarer Stadtführer zur Geschichte der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeit in Wien 1944/45 sein. Dieser kann aufgrund seiner mannigfaltigen, topografisch aufbereiteten und/oder präsentierten Informationen, Daten, Fotografien und Interviewexzerpten als Grundlage zur Erstellung weiterer, diesmal zielgruppenspezifischer Materialien (Arbeitsblätter, Broschüren, Erinnerungstouren etc.) genutzt werden.

Der Vortrag wird auf der Basis der bereits teilweise zur Verfügung stehenden interaktiven Website, auf der die Informationen niederschwellig und topografisch dargestellt werden, die Ziele und Möglichkeiten des Projekts darstellen und näher erläutern.

 

Béla Rásky, studierte Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Bis 2003 arbeitete er als Leiter des “Austrian Science and Research Liaison Office Budapest”, danach freiberuflich im Rahmen historischer Projekte u.a. zum Austrofaschismus, bzw. zur Nachgeschichte und Erinnerungspolitik der Donaumonarchie. Seit Januar 2010 ist er Geschäftsführer des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI).

Dr. Béla Rásky, Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien, Wien
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