Entschädigung und Erinnerung

Mein Vortrag thematisiert die Wechselwirkungen zwischen den Entschädigungsdebatten der letzten Jahrzehnte und der Erinnerung an Zwangsarbeit. Dazu müssen insbesondere die Veränderungen der Erinnerungskultur in den letzten Jahrzehnten berücksichtigt werden. Denn auch wenn “Erinnerung” im umgangssprachlichen Sinne immer schon zur menschlichen Existenz gehört, so setzte doch erst seit den 1970er Jahren der Aufstieg von “Erinnerung” zu einem dominierenden kulturwissenschaftlichen Paradigma ein. Mittlerweile stehen wir jedoch bereits seit einigen Jahren vor den Konsequenzen einer Gegenreaktion. Aus zwei unterschiedlichen Richtungen werden die Ritualisierung der gegenwärtigen Erinnerungskultur und die Ambivalenzen des Erinnerungsbooms kritisiert. Während die einen das Recht auf das Vergessen einfordern, wollen die Anderen das durch die Sakralisierung des Zeitzeugen und der Erinnerung verlorengegangene kritische Potenzial der Geschichte wiedergewinnen.

Was bedeutet also all das für den Zusammenhang von Entschädigung und Erinnerung? In welcher Weise veränderte einerseits die Entschädigungsdebatte für Zwangsarbeiter die Erinnerungskultur? Und inwieweit wirkten sich umgekehrt die Veränderungen der Erinnerungskultur auf die Entschädigungsdebatte aus? In einem ersten Schritt will ich argumentieren, dass Zwangsarbeit nach Kriegsende lange Zeit vor allem zur Erinnerung des Krieges und nicht der NS-Verfolgung gehörte. Von der Entschädigungsdebatte blieb Zwangsarbeit daher weitgehend ausgeschlossen, wobei sich die Forderungen vor allem auf vorenthaltene Löhne und damit auf den Status als “Arbeiter” bezogen. Zweitens will ich zeigen, dass sich diese Perspektive auf Zwangsarbeit erst im Kontext der Debatte um die “vergessenen Opfer” änderte. Dazu trug vor allem auch die bahnbrechende Arbeit Ulrich Herberts bei, der Zwangsarbeit vor allem als zentrales Beispiel des nationalsozialistischen Rassismus deklarierte. Diskutiert werden soll die in der Debatte um die “vergessenen Opfer” entstehende Spannung zwischen der Zwangsarbeiterentschädigung als einem emanzipatorischen und einem identitären Projekt. In einem dritten Schritt soll schließlich der Zusammenhang zwischen der Ende der 1990er Jahre aufkommenden Debatte um die Entschädigung von Zwangsarbeitern in Osteuropa und dem sich damals auf dem Höhepunkt befindlichen Memory Boom erörtert werden. Dabei geht es sowohl um die Formen individueller Erinnerung im Bereich des kommunikativen Gedächtnisses als auch um die geschichtskulturelle Vermittlung von Erinnerung, bei der sich ein Spannungsfeld zwischen nationaler und europäischer Erinnerung auftut. In einem Ausblick will ich schließlich erörtern, welche Auswirkungen das Ende der Erlebnisgeneration in diesem Zusammenhang besitzt.

 

Constantin Goschler ist Historiker und promovierte 1992 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zum Thema “Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgten des Nationalsozialismus 1945-1954”. Seine Forschungsschwerpunkte sind Transitional Justice, Wiedergutmachung und Erinnerungskultur in Europa, Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945, Biopolitik und Wissenschaftspopularisierung, Nachrichtendienste und “innere Sicherheit”.

Dr. Constantin Goschler, Ruhr-Universität Bochum

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