Lokale Erinnerung an Zwangsarbeit in Masuren

Die NS-Zwangsarbeit gehört zu den am besten erforschten Kapiteln der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Zahlreiche Studien liegen vor, sowohl zu lokalen Dimensionen des “Ausländereinsatzes” als auch zu Unternehmensgeschichte. Zunehmend widmet sich die Geschichtswissenschaft dem Problem der Erinnerungen der ehemaligen Zwangsarbeiter. In den letzten zwei Dekaden wurden viele Interviews mit den Betroffenen durchgeführt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt (z.B. www.zwangsarbeit-archiv.de).

Hinzu kommt noch eine ganze Menge an Selbstzeugnissen der Opfer (Tagebücher, Autobiographien) sowie die so genannten Entschädigungsakten, also die Formulare, in welchen die Zwangsarbeiter ihre Erlebnisse geschildert haben, um die Entschädigung zu bekommen. Doch beim Thema NS-Zwangsarbeit gibt es noch Bereiche, die kaum erforscht werden. Das betrifft sowohl die Ereignisgeschichte als auch die Geschichte des zweiten Grades, also die Erinnerung an diese Erfahrung. Unerforscht ist beispielsweise die kommunale, lokale und regionale Erinnerungspolitik in Bezug auf die Zwangsarbeit in den Jahren 1939-1945. Ab wann ist die NS-Zwangsarbeit ein fester Bestandteil der lokalen Erinnerungskulturen? Welche Akteure engagieren sich in die Vermittlungs- und Erinnerungsarbeit zu diesem Thema? Welche Rolle spielen dabei die authentischen Orte (Zwangsarbeiterlager)? Wie wird die Zwangsarbeit in lokalen Museen dargestellt? Und schließlich, wie wird dieses Kapitel des Zweiten Weltkrieges in den lokalen und regionalen Publikationen beschrieben?

Masuren ist eine spezifische Region. Als Teil der ehemaligen deutschen Provinz Ostpreußen war es eine Grenzregion mit deutscher und polnischer Bevölkerung. Seine landwirtschaftliche Struktur spielte im Zweiten Weltkrieg eine enorme Rolle. Auch deshalb gelangten die ersten polnischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen aus dem annektierten so genannten Wartheland und dem besetzten Generalgouvernement nach Ostpreußen und wurden bei der Herbsternte 1939 eingesetzt. Viele von ihnen mussten während des ganzen Krieges Zwangsarbeit leisten, viele wurden jedoch von dort nach einem oder zwei Jahren weiter in das “Altreich” zur Rüstungsarbeit deportiert.

Der Vortrag möchte einerseits die Erfahrungen der Zwangsarbeiter aus den zeitgenössischen Quellen (Gerichtsakten) schildern, um damit die Ereignisgeschichte aus einer individuellen Perspektive heraus zu erforschen und anderseits widmet er sich der polnischen Erinnerungspolitik in Bezug auf die Zwangsarbeit in dieser Region. Es geht darum, die Dimension der landwirtschaftlichen Zwangsarbeit zu schildern, die heutzutage durch die Zwangsarbeit in der Industrie (Zivilzwangsarbeit und KZ-Zwangsarbeit) nahezu komplett überschattet wurde. Denn es gibt zahlreiche Erinnerungsstätten an die Industrie-Zwangsarbeit, doch es existieren keine, die explizit den landwirtschaftlichen Zwangsarbeitern gewidmet wären.

 

Katarzyna Woniak studierte Geschichte an den Universitäten Posen und Augsburg und promovierte 2012 zum Thema “Von Verdrängen bis Wiederentdecken. Die Erinnerungskulturen in den west- und nordpolnischen Kleinstädten Labes und Flatow seit 1945”. Zurzeit ist sie Lehrbeauftragte an der Freien Universität Berlin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Dr. Katarzyna Woniak, Polnische Akademie der Wissenschaften, Berlin
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