Verdrängte, tabuisierte und marginalisierte Narrative: Weibliche West-Zwangsarbeiterinnen

Der Beitrag thematisiert das vorherrschende Phänomen der Verdrängung und Tabuisierung von weiblicher Erinnerung an Zwangsarbeit in Frankreich und den Niederlanden. Bislang ist die Bedeutung des Geschlechts als Kategorie kaum in die offizielle Gedenkpolitik integriert worden. Auch liegen zur Erinnerungsarbeit an weibliche Zwangsarbeit in den Benelux-Ländern wenige qualitative Studien vor. Ursächlich ist unter anderem, dass sich Zeitzeuginnen in den Niederlanden und Frankreich im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen bis heute nicht als Opfergruppe definieren und öffentlich in Erscheinung treten.

Es wird gezeigt, dass diesem Phänomen des Verschweigens, Beschweigens oder des Nicht-Sprechen-Könnens vielfältige Ursachen zugrunde liegen, die bis heute eine Erinnerung an Zwangsarbeit verhindern. In den beiden analysierten Ländern herrscht die öffentliche Meinung vor, dass Frauen kaum zur Zwangsarbeit herangezogen wurden – und wenn, freiwillig und selbst initiiert für die Deutschen arbeiteten. Zudem hätten sich Frauen zur Prostitution anwerben lassen. Dieser gesellschaftspolitische Diskurs der Negierung oder Tabuisierung von weiblicher Zwangsarbeit trägt dazu bei, dass Zeitzeuginnen bis heute in einer Sprachlosigkeit verharren und als Opfergruppe bei Gedenk- und Erinnerungsritualen nicht repräsentiert werden. Weibliche Zwangsarbeit ist damit nicht nur kollektiv tabuisiert, sondern individuell nicht erinnerbar und zugänglich. Eher spielt die somit männlich dominierte Mainstream-Deutung eine Rolle bei der Hoheit der Erinnerung – auch im musealen und Gedenkstätten-Kontext.

Somit stehen Zwangsarbeiterinnen bis heute unter einem enormen Rechtfertigungs- und Erklärungsdruck gegenüber der Zivilgesellschaft in den Niederlanden und in Frankreich. Folglich stehen bei diesen Erinnerungsträgerinnen auch die Nachwirkungen dieser Kriegserfahrungen unter Phänomenen wie Verschweigen und Be-Schweigen.

Schlussfolgernd lässt sich für die Erinnerungs- und Gedenkkultur sagen, dass immer auch das Nicht-Erinnern, das Nicht-Erinnern-Wollen oder Nicht-Erinnern-Können hervorzuheben ist und somit eine öffentliche Auseinandersetzung um diskursive Interpretationen der NS-Geschichte stattfinden kann. Historisch-politische Bildungsarbeit muss darüber hinaus auch Geschlechterdiskurse integrieren, um den didaktischen Prinzipien der Multiperspektivität zu genügen sowie kontroverse Geschichtsbilder zu berücksichtigen. Die Erinnerungszeugnisse dieser letzten lebenden Biographieträgerinnen sollten für historisch-gesellschaftliche Kontroversen, auch im Sinne einer Reflexion von divergierenden Geschichtsdeutungen, aufgenommen werden. Dies setzt voraus, dass ein kultursensibles, sozialsensibles und ein reflektierendes Erinnern (Vgl. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 11.12.2014) den Blick auch auf bisher marginalisierte NS-Zeitzeuginnen lenkt, um zukünftigen Generationen zu einem umfassenden Geschichtsbild zu verhelfen.

Regina Plaßwilm, Historikerin und Kulturmanagerin, promovierte 2009 an der Heinrich- Heine-Universität Düsseldorf zur Erinnerungsarbeit von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern des Zweiten Weltkrieges unter einer komparativen Perspektive. Seit 2015 ist sie Koordinatorin für Genderforschung an der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Dr. Regina Plaßwilm, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
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