Zu den Ausstellungen “‘Russenlager’ und Zwangsarbeit – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener”

Warum blieb die Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam ein blinder Fleck im allgemeinen Geschichtsbewusstsein der Nachkriegszeit? Während der “Zwangsarbeiterentschädigung” wuchsen Empathie und Solidarität mit osteuropäischen NS-Opfern, deren Leidenswege vielfach recherchiert und dokumentiert wurden. Weitgehend ausgeklammert blieben die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen rund 20.000 vergebens Kompensation für geleistete Zwangsarbeit von der Bundesrepublik Deutschland gefordert hatten.

Tradierte Geschichtsbilder vom Sowjetsoldaten behinderten den Blick auf die größte NS-Opfergruppe nach den europäischen Juden, obwohl bereits in den 70er Jahren Christian Streit mit seinem Band “Keine Kameraden” ein Gesamtbild der sowjetischen Kriegsgefangenen veröffentlicht hatte. Weil im Westen ein Feindbild des Kalten Krieges nachwirkte, im Osten der aus Stalinzeit nachwirkende Vorwurf des Verrats, musste das Ausstellungsprojekt besondere Wege gehen: Betroffene wurden als Zeitzeugen angesprochen und portraitiert. Im Mittelpunkt stehen künstlerische Portraitfotografie und Zitate aus Interviews mit und Briefen von den Portraitierten. So empfindet das Publikum eine Nähe zu diesen in den Jahren 2009 und 2010 fotografierten Zeitzeugen, von denen viele nicht mehr leben. Durch Augenhöhe zwischen Portrait und dem Betrachter entstehen Empathie und die Bereitschaft, mehr zu erfahren vom Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen. Dies wird in mehreren Kapiteln unter Zugrundelegung von Archivmaterial geboten, von der Gefangennahme, dem Lagersystem und der Zwangsarbeit bis zur Befreiung und Repatriierung. Es existiert eine Ausstellung mit 90 Großtafeln, ergänzt durch die Präsentation von Ergebnissen regionaler Spurensuche, eine leicht transportable Ausstellung auf 25 freistehenden Tafeln (Rollup-System) und eine russischsprachige Wanderausstellung, die aus Elementen der deutschen Ausstellung und Ergebnissen aus in Russland geleisteter Archivarbeit besteht. Das Ausstellungsprojekt bewahrt das kollektive Gedächtnis der ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in ihrem Nachkriegsleben kaum über ihre Gefangenenzeit zu sprechen wagten.

 

Eberhard Radczuweit studierte Bildende Kunst. Er kuratierte mehrere Kunstausstellungen und ist in der Kulturarbeit tätig. 1990 gründete er zusammen mit anderen den Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V., dessen ehrenamtlicher Geschäftsführer er ist.

Eberhard Radczuweit, Kontakte-Контакты e.V., Berlin
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