Geteilte und gemeinsame Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit

Um besser in die Problematik der Tagung einzuführen, werde ich in der Einleitung einige allgemeine Bemerkungen zum übergeordneten Thema “Krieg und Europa/Europa und Krieg” machen; diese Bemerkungen werden sich nicht auf den Zweiten Weltkrieg beschränken. Die leitende Frage dabei könnte die folgende sein: Inwiefern lässt sich sagen, dass der Krieg der “Vater Europas” ist?

Der erste Teil meines Vortrags wird sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs aus mindestens zwei Gründen ein genuin europäisches Phänomen darstellte. Zunächst, weil sie Millionen von Menschen aus vielen europäischen Ländern betraf; dann, weil sie zur Folge hatte, dass die nach Deutschland transferierten Personen – meistens Zivilisten mit einem hohen Prozentsatz an Frauen – nicht nur eine längere Zeit in einem fremden Land und unter ganz anderen Bedingungen verbrachten, sondern auch in Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern kamen (Deutsche, andere Zwangsarbeiter). Dadurch machten sie konkrete Erfahrungen der Realität von Europa in seiner Vielfalt wie auch in seiner Widersprüchlichkeit, nicht zuletzt wegen der alltäglichen Erfahrung des krassen Unterschieds zwischen West- und Osteuropa. Dies waren Erfahrungen, die sie unter normalen Umständen (d.h. in Friedenszeit) nie hätten machen können. Zum Schluss dieses ersten Teils werde ich kurz eine andere Form der europäischen Dimension der Zwangsarbeit ansprechen: wenn auch die NS-Zwangsarbeit durch spezifische Züge charakterisiert wurde (Ausmaß, Rassismus insbesondere), so war sie doch weder total neu noch einzigartig: sie lässt sich nämlich in einen größeren europäischen Zusammenhang einordnen, der sich durch den Vergleich mit anderen Formen von Zwangsarbeit entweder vor dem Zweiten Weltkrieg (Erster Weltkrieg, Zwangsarbeit in den europäischen Kolonien) oder unter anderen Bedingungen (Gulag) besser verstehen lässt.

Der zweite Teil des Vortrags wird sich mit der Frage der Erinnerungen an die Zwangsarbeit nach dem Krieg beschäftigen. Zu Beginn werde ich darauf hinweisen, dass diese Erinnerungen in den einzelnen europäischen Ländern weder vergessen noch verdrängt bzw. tabuisiert wurden – weder in Deutschland noch in den Ländern, deren Arbeitskräfte von NS-Deutschland ausgebeutet worden waren. Dies ändert allerdings nichts daran, dass die Erinnerung an die Zwangsarbeit nirgendwo einen zentralen Platz in den kollektiven Erinnerungen einnahm; so gut wie überall wurde sie eher als eine “Nebenerscheinung” des Krieges betrachtet; in keinem Land schien sie in den kollektiven Erinnerungen wie auch im Gedenken prioritär zu sein, sodass sie im Hintergrund blieb. Die Tatsache, dass die Stiftung EVZ erst 2000 gegründet wurde, ist nur ein Beispiel dafür. Dies wird mich zu der Frage nach den Gründen für diese Vernachlässigung führen. Drei Gründe sollen in diesem Zusammenhang thematisiert werden: zunächst die Tatsache, dass die Zwangsarbeit sich schlecht in die Deutungsmuster einordnen ließ, mit deren Hilfe sich die kollektiven Erinnerungen an den Krieg konstituiert und entwickelt haben, d.h. entweder das Paradigma des Helden oder das Paradigma des Opfers; dann die Tatsache, dass unter den Zwangsarbeitern Frauen und Arbeiter überrepräsentiert waren, d.h. ausgerechnet Gruppen, die sich am unterem Rand der sozio-kulturellen Hierarchie befanden (auch im östlichen Teil Europas) und dass sie nicht zuletzt deswegen über keine Fürsprecher und “lobbies” verfügten, die ihnen erlaubt hätten, ihren Platz im kollektiven Gedächtnis zu behaupten; schließlich die Tatsache, dass die Zwangsarbeiter und noch mehr die Zwangsarbeiterinnen in den jeweiligen Ländern nicht selten verdächtigt wurden, sie hätten sich angepasst, hätten de facto mit Deutschland zusammengearbeitet, wenn nicht „kollaboriert“, und seien irgendwie mitverantwortlich dafür, dass NS-Deutschland den Krieg so lange führen konnte. Der Vergleich mit den Kriegsgefangenen (unter denen viele auch Zwangsarbeiter wurden) kann in dieser Hinsicht hilfreich sein.

Der dritte Teil meines Vortrags wird sich mit der europäischen Dimension der Erinnerung an die Zwangsarbeit befassen. Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts konnte sich diese Dimension nur schwer behaupten, da sich die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg vor allem in einem nationalen Rahmen konstruiert und weiterentwickelt hatte. Inzwischen hat sich das Verhältnis zwischen nationalen und transnationalen Erinnerungskulturen geändert, und auch wenn das Primat der nationalen Erinnerungen weiterhin besteht, so ist es längst nicht mehr exklusiv, während die europäische Dimension der Erinnerungskulturen zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Nun waren die Erfahrungen der Zwangsarbeiter, die die Grundlagen ihrer Erinnerungen bildeten, immer mindestens binational – und nicht selten auch multinational. In einem überwiegend nationalen Rahmen gab es kaum Platz für diese bi- bzw. transnationale Dimension – vor allem, wenn sie dem nationalen Rahmen und der nationalen Deutung der Kriegszeit nicht entsprachen (hierzu werde ich einige konkrete Beispiele nennen). Die Situation sieht heute anders aus – die Hamburger Tagung legt davon Zeugnis ab.

In meiner Schlussbetrachtung werde ich die Herausforderung dieser europäischen Dimension der Erinnerung an die Zwangsarbeit vertiefen. Wie und mit welchen Mitteln ließe sich am besten die europäische Tragweite dieser Erinnerungen herausarbeiten und hervorheben? Wie, vor allem, könnte man von unterschiedlichen und gespaltenen Erinnerungen (im Sinne von divided memories) zu teilbaren und geteilten Erinnerungen (im Sinne von shareable and shared memories) gelangen? Stellt schließlich die Vorstellung einer “gemeinsamen Erinnerung” eine produktive Herausforderung dar oder ist sie gar eine Sackgasse?

Etienne François ist Professor (em.) für Geschichte. Er war an verschiedenen Universitäten in Frankreich und Deutschland tätig, u.a. an der Universität Nancy, an der Sorbonne in Paris sowie an der Freien Universität Berlin (Frankreich-Zentrum). Er ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 

Etienne François, Rouen
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