Erinnerungsorte in der Ukraine am Beispiel der Gedenk- und Bildungsstätte Schostka

In meinem Vortrag werde ich die Ergebnisse des Projektes zur Errichtung der Gedenk- und Bildungsstätte zum Schicksal der NS-Opfer aus dem nordukrainischen Schostka vorstellen.

Die Besonderheit des Projektes liegt darin, dass es nicht nur auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaut, sondern Erfahrungen aus deutsch-ukrainischen Jugendprojekten und aus der Kooperation mit dem Verein Pulverfabrik Liebenau e.V. einbezieht. Im Sinne des Community-engaged research, teaching and learning durchlief das Projekt mehrere Stufen: Das ursprüngliche Forschungsinteresse des deutschen Partners floss ein in die sozialen Beziehungen, die Versöhnung- und Aufklärungsarbeit und mündete in einen Jugendaustausch. Die während der Jugendprojekte gewonnenen Erfahrungen fanden dann Eingang in die neue Forschungs- und Kulturinstitution. Thematisch geht diese weit über den zeitlichen Rahmen des Zweiten Weltkrieges hinaus, wozu auch die aktuelle politische Situation beiträgt.

Das Ausgangsinteresse war es, keine umfassende Forschung zu betreiben, sondern einen Beitrag zum öffentlichen Bewusstsein zu leisten, die Anerkennung für Zwangsarbeiter und andere vergessene Opfer auf lokaler Ebene zu erreichen. Das Museum entstand als eine Form der Beteiligung der Lokalbevölkerung an der Geschichtsvermittlung und Selbstidentifizierung. Der Name der Gedenkstätte “Rodynna Pamjat” (Erinnerungserbe/Familiengeschichten) macht deutlich, dass diese Seite des Zweiten Weltkriegs und die Erinnerung an die Schicksale vor allem in den Familien weiterlebte und überliefert wurde, dabei jedoch aus dem offiziellen und öffentlichen Raum ausgegrenzt wurde.

Am Beispiel der Region Schostka werden historische Themen unter einem für den postsowjetischen Raum neuen Blick aufbereitet und präsentiert. Es werden Gruppenschicksale dargestellt, die bisher kaum Beachtung in kommunalen ukrainischen Museen fanden und erst in den letzten Jahren Eingang in die staatliche Erinnerungskultur fanden. Die Dauerausstellung zeigt “einfache” Menschen mit ihren nicht einfachen Biografien und rückt von der heldenhaften sowjetischen Rhetorik ab: Es geht ums Überleben in den Zeiten totalitärer Gewalt. Weitere Themenbereiche umfassen das Schicksal der Zivilbevölkerung während der NS-Besatzung und Strafaktionen, die Deportation von Tausenden zur NS-Zwangsarbeit ins “Reich”, KZ-Haft oder Kriegsgefangenschaft sowie die Wiedereingliederung der Rückkehrer in die sowjetische Gesellschaft nach dem Krieg.

Die Ausstellung endet mit Informationstafeln zu jungen Männern aus Schostka, die 2014 im Militärkonflikt im Osten der Ukraine gefallen sind.

Tetiana Pastushenko studierte Geschichte und promovierte an der Nationalen Akademie der Wissenschaft der Ukraine in Kiew. Aktuell ist sie Mitarbeiterin des Forschungsprojekts “Victory – Liberation – Occupation: War Memorials and Commemoration marking the 70th Anniversary of WWII Ending in post‐Socialist Europe” der Graduiertenschule Ost- und Südosteuropastudien (München) und des Einsteins Forums Potsdam.

 

Dr. Tetiana Pastushenko, Kiew
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