Holokaustforschung; Lehrmaterial zu tauben Zwangsarbeitern

Vortrag (in deutscher Gebärdensprache)

Vortrag Mark Zaurov (in deutscher Gebärdensprache) from Agentur Bildung on Vimeo.

Abstract:

Taube Zwangsarbeiter sucht man vergeblich in der Holokaustforschung als eigenständige Kategorie. Dies ist nicht verwunderlich, da die Holokaustforschung sich bislang durch Diversität kaum auszeichnete. Im Zuge der UN-Behindertenrechtskonvention rücken die Themen Vielfalt und Inklusion allerdings zunehmend in das Blickfeld. “Vielfalt” wird heute jedoch inflationär, ohne die Genese des Begriffs durch Behindertenrechtsorganisationen zu kennen, benutzt. Die Praxis zeigt, dass es mit der Umsetzung bisweilen hapert und auch Lehrkräfte damit überfordert sind, denn entsprechende Lehrmaterialien lagen bis jetzt nicht vor.

In diesem Vortrag stelle ich Lehrmaterial in Form einer einzigartigen DVD über den Deaf Holokaust, deutsche taube Juden und taube Nationalsozialisten in deutscher Gebärdensprache vor, die zum ersten Mal deutsche taube jüdische Zwangsarbeiter thematisiert. Dieses DVD-Projekt wurde gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Claims Conference on Jewish Materials Claims Against Germany, Inc. (Claims Conference) und der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft.

Taube jüdische Überlebende und Zwangsarbeiter wurden bislang nicht in das Bewusstsein der Forschung gerückt, weil sie aufgrund des Stigmas der Behinderung oft dem Bereich “Aktion T4” zugeordnet werden und sich das Thema damit anscheinend erübrigt. Um hier genauer hinsehen zu können, entstand der Begriff “Deaf Holokaust“ (Zaurov 2009). Dieser verdeutlicht den Unterschied zwischen tauben Juden und T4-Opfern; taube Juden wurden aufgrund der Gebärdensprache direkt in die Gaskammern selektiert, weil sie als „arbeitsunfähig“ galten. Diejenigen taube Juden, die überlebten, versteckten ihre Taubheit, gebärdeten nur heimlich und kommunizierten zuweilen über „Dolmetscher“, die selbst taube Eltern hatten und ihnen begleitend zur Seite standen (Zaurov in Druck).

Mark Zaurov promoviert an der Universität Hamburg über taube Juden in Kunst, Politik und Wissenschaft vom 18. bis zum 21. Jahrhundert im Sinne einer transnationalen imagined hybrid community aus der Deaf Studies-Perspektive. Er ist Vorsitzender der IGJAD (Interessengemeinschaft Gehörloser jüdischer Abstammung in Deutschland e.V.)

Mark Zaurov, Hamburg

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