Webdoku Im Märkischen Sand – Eine filmische Ausgrabung in Treuenbrietzen / Brandenburg

Am 23. April 1945 wurden 127 italienische Zwangsarbeiter in einer Sandgrube nahe Treuenbrietzen südlich von Berlin erschossen. Das Filmprojekt Im Märkischen Sand widmet sich der Erinnerung dieses Kriegsverbrechens, das im deutsch-italienischen Gedächtnis fast 50 Jahre verschüttet war und erzählt die Geschichte der Italienischen Militärinternierten in einem konkreten Fall von Zwangsarbeit im Land Brandenburg.

Im Märkischen Sand entsteht als zweisprachige, interaktive Webdokumentation. In 16 thematischen und biografischen Gegenwartsepisoden wird das historische Ereignis aus heutiger Sicht erzählt. In einem Netz aus Interviews und Erfahrungsgeschichten kommen Zeitzeugen, Familienangehörige und verschiedene Akteure aus Deutschland und Italien zu Wort. In den persönlichen Geschichten und Wortbeiträgen werden grundlegende Themen lokaler und transnationaler Erinnerungskultur reflektiert, wie Schuldabwehr und Verdrängung, Geschichtspolitik in Deutschland und Italien, Täter-Opfer-Konflikte, die juristische Dimension und das Erbe der zweiten Generation.

In sechs begleitenden Geschichtsepisoden werden Kontextinformationen vermittelt zu Themenfeldern wie deutsch-italienische Beziehungen, Kriegswirtschaft, Alltag Zwangsarbeit, Befreiung und Rückkehr. In diesem historischen Teil werden animierte Tableaus im Stil der graphic novel verwendet. Im Märkischen Sand setzt ganz bewusst auf gezeichnete Geschichtsbilder, die in ihrem artifiziellen Charakter nur temporär durch dokumentarische Aufnahmen gebrochen werden. Diese visuelle Strategie der Überblendung illustrativer und fotografischer Geschichtsbilder wird auf der narrativen Ebene konsequent fortgesetzt: Die Webdoku verzichtet auf einen klassischen, objektivierenden Kommentar. Die Bildebene wird unterlegt mit der Stimme einer fiktiven Historiografin, die story und history zusammenfasst und dabei aus Quellen und Zeitzeugenberichten zitiert. Im Off-Text der Sprecherin überlagern sich damit Perspektiven persönlicher Erfahrung und historischer Erkenntnis. Diese Subjektivität in der dokumentarischen Sprechweise wird jedoch authentifiziert durch Dokumente und Zeugnisse in einer Art filmischen Appendix: Über einen interaktiven Player wird im Hypertext der Webdoku ergänzender crossmedialer Content angeboten, wie Zeitzeugeninterviews, Tagebuchauszüge und Fotostrecken.

Die interaktive Oberfläche stellt eine Besonderheit des Projektes dar. Die Struktur ist offen angelegt und ermöglicht die eigenständige Navigation durch die unterschiedlichen Erzählstränge in Geschichte und Gegenwart. Zu den technischen wie erzählerischen Herausforderungen bei der Entwicklung des Formates gehörte vor allem das Design einer konsistenten Benutzerführung. Nonlineare Erzählformen bieten einerseits den Vorteil einer selbstgesteuerten Rezeption, andererseits verlangen Notwendigkeiten narrativer Kausalität und dramaturgischer Synthese die Strukturierung des Contents durch die Autoren.

Crossmediale Webdokus entwickeln sich derzeit zu einem eigenständigen, aufstrebenden Format in internetbasierten Medienangeboten. Im Märkischen Sand schließt direkt an diese aktuellen Entwicklungen im Bereich des digital storytellings an. Der Release findet statt am 23. April 2016 unter der Adresse www.imidoc.net.

 

Matthias Neumann studierte Film,- Medien- und Politikwissenschaften in Mainz, Glasgow und Berlin. Im Hauptberuf ist er Kameramann für öffentlich-rechtliche Sendeanstalten. Als Produzent und Filmemacher ist er in der Berliner Filmgruppe autofocus Videowerkstatt e.V. tätig.

Matthias Neumann, Autofocus Videowerkstatt e.V., Berlin

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