Die NS-Zwangsarbeit (1941 – 1945) in der heutigen Erinnerungskultur Russlands

1941-1945 arbeiteten im Dritten Reich über zwanzig Millionen ausländische Zwangsarbeiter, darunter einige Millionen “Ostarbeiter” und sowjetische Kriegsgefangene. Nach ihrer Rückkehr wurden sie in ihrer Heimat nicht als Opfer des Krieges anerkannt und verwandelten sich in die sogenannten “Figuren des Verschweigens”. Auch denjenigen Sowjetbürgern, die während des Krieges auf den besetzten Territorien geblieben und gezwungen waren, dort für die Besatzer unter deren Zwang zu arbeiten, wurde vom Staat diese Zwangsarbeit für den Feind angelastet. Dieser Umstand führte in der UdSSR zur Tilgung von jeder Vorstellung über die Zwangsarbeit der Sowjetbürger im Dritten Reich sowohl aus dem öffentlichen als auch privaten Gedächtnis.

Die Gorbatschew-Reformen machte die Tragödie der “Ostarbeiter” und sowjetischen Kriegsgefangenen, sowie auch der Bürger, die auf den von dem Nazi-Deutschland besetzten Territorien geblieben waren, publik. Auch die Entschädigungszahlungen für die ehemaligen “Ostarbeiter” förderten das Forschungsinteresse für das Problem Zwangsarbeit von Sowjetbürgern im Dritten Reich. Allerdings ist die umfassende Forschungsarbeit und Monographie von P. Polan “Opfer von zwei Diktaturen” bis heute die einzige, die sich dem oben erwähnten Problem widmet.

Die für die Öffentlichkeit und Forschung fehlende Information über die Traumaerfahrungen von Millionen Russinnen und Russen, die durch Nazi-Zwangsarbeit bedingt sind, ist als einer der Gründe auszulegen, dass im modernen Russland der Dialog zwischen den Generationen gestört ist. Das andauernde Versterben der ehemaligen Zwangsarbeiter und das fehlende öffentliche Interesse für diesen Aspekt des Zweiten Weltkrieges können dazu führen, dass das Thema als solches aus dem Kulturgedächtnis verschwindet.

In Deutschland gibt es mehr Informationen über das Schicksal von “Ostarbeitern” und sowjetischen Kriegsgefangenen als in Russland. Diese Asymmetrie kann durch die Zusammenarbeit teilweise überwunden werden. Als ein Beispiel der effektiven Zusammenarbeit von zwei Berufsgemeinschaften kann die russischsprachige Version des Online-Archivs “Zwangsarbeit 1939-1945” genannt werden. Sie ist berufen, die Grenze zwischen den Respondentinnen und Respondenten, deren Interviews im Archiv vorhanden sind, und den russischen Internetbenutzern abzubauen. So kann die persönliche Erfahrung ein Teil des öffentlichen Bewusstseins werden und das kollektive Gedächtnis in Russland in Bezug auf ehemaligen Zwangsarbeiter beeinflussen. Der digitale Erinnerungsraum lässt einen daran erinnern, was im offiziellen Erinnern keinen Platz findet. Andererseits hilft das gewonnene Wissen die im Gedächtnis der früheren Generationen von Russinnen und Russen vorhandenen Lücken decken und den Kriegsopfern zu gedenken. Eine besondere Bedeutung kann dabei das Einsetzen von Interviews als Lehrstoff im Schulwesen haben.

Natalia Timofeeva studierte Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg und promovierte an der Universität Leningrad. Ihre Forschungsinteressen sind Oral History, Geschichte des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit, Erinnerungskultur und interkulturelle Kommunikation. Sie publiziert regelmäßig in Russland, Deutschland, der Ukraine und Großbritannien.

Dr. Natalia Timofeeva, Regionalzentrum für Oral History, Woronesch
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