NS-Zwangsarbeit von sozialen Randgruppen

Das Beispiel des Arbeitshauses Rummelsburg – Geschichte und Erinnerung

Die NS-Zwangsarbeit von während der NS-Zeit als “Asoziale” verfolgten sozialen Randgruppen steht nur wenig im Fokus von Forschung und Erinnerungskultur. Vor diesem Hintergrund befasst sich dieser Beitrag mit der Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit von Bettlern, Obdachlosen und Prostituierten außerhalb von Konzentrationslagern.

Im Mittelpunkt steht das Beispiel der Erinnerung an die Zwangsarbeit von Insassinnen und Insassen des Arbeitshauses Rummelsburg in Berlin. Als während des Zweiten Weltkrieges auch die Zwangsarbeit von sozialen Randgruppen systematisch ausgeweitet wurde, nahmen dabei die den Kommunen unterstehenden Arbeitshäuser wie Rummelsburg eine zentrale Rolle ein. An der Schnittstelle von nationalsozialistischer Sozial-, Kommunal- und Rüstungspolitik wurden sie zu (Ausgangs-) Orten umfangreicher NS-Zwangsarbeit. In meinem Beitrag gehe ich zwei Fragen nach:

1.) Wie lässt sich die Zwangsarbeit der männlichen und weiblichen Insassen von Rummelsburg in die anderen Formen der NS-Zwangsarbeit einordnen?
2.) Wie kann das Beispiel von Rummelsburg dazu beitragen, das bislang sehr begrenzte Erinnern an die NS-Zwangsarbeit sozialer Randgruppen in der deutschen und europäischen Erinnerungskultur weiter zu verankern?

Obwohl Rummelsburg das größte deutsche Arbeitshaus war, hat die Erforschung von dessen Geschichte erst kürzlich eingesetzt. Sie ermöglicht aufschlussreiche Erkenntnisse über die NS-Zwangsarbeit sozialer Randgruppen, die staatlichem Zugriff unterstanden. So zeigen neue Erträge der Forschung, dass die NS-Zwangsarbeit der männlichen und weiblichen Insassen von Rummelsburg in erster Linie kommunalwirtschaftlichen Zwecken diente. Einsätze in der Rüstungsproduktion waren hingegen von untergeordneter Bedeutung. Insofern stellte die NS-Zwangsarbeit von Rummelsburg weniger ein neues Phänomen, als vielmehr eine Radikalisierung von Zwecken dar, denen die Arbeit der Insassinnen und Insassen des Arbeitshauses auch schon vor 1933 diente.

Die Erforschung der NS-Zwangsarbeit von männlichen und weiblichen Insassen des Arbeitshauses Rummelsburg entstand im Zusammenhang mit Erinnerungsprozessen an die Verfolgung von sozialen Randgruppen am historischen Ort. Dort wurde Anfang Januar 2015 eine neue Gedenkstätte, der Informations- und Gedenkort Rummelsburg, eröffnet. Im Mittelpunkt einer Open-Air-Dauerausstellung stehen Biografien von ehemaligen Insassinnen und Insassen des Arbeitshauses und von Häftlingen des Gefängnisses. Dem Fehlen von Zeitzeugen und der Überformung des historischen Ortes versucht der Gedenkort dabei auch durch den Einsatz neuer Medien wie einer eigenen Smartphone-App zu begegnen. Offen bleibt, ob so dazu beigetragen werden kann, die Erinnerung an die NS-Zwangsarbeit von “Asozialen” stärker in die Erinnerungskultur zu integrieren, oder aber ob Bettler, Obdachlose und Prostituierte als heterogene gesellschaftliche Randgruppen auch “Randgruppen der Erinnerung” bleiben.

 

Thomas Irmer, Historiker und Diplom-Politologe. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind NS-Zwangsarbeit, Geschichte “totaler Institutionen” sowie die Geschichte der Elektroindustrie. Er war Co-Kurator der Zeitzeugen-App “Zwangsarbeit” der Berliner Geschichtswerkstatt und der Dauerausstellung “Alltag Zwangsarbeit 1938-1945” des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin.

Thomas Irmer, Berlin

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