Erinnerungsorte an die NS-Zwangsarbeit in Europa

Allein in Berlin gab es in den letzten Kriegsjahren etwa 3.000 Massenunterkünfte für Zwangsarbeiter, im Deutschen Reich ca. 30.000. Zwangsarbeit war ein Massenphänomen, infolgedessen hinterließ sie auch massenhaft Spuren, nicht nur im heutigen Deutschland. Wie aber gingen die einzelnen Länder mit diesen Relikten um?

Jahrzehntelang war die Zwangsarbeit, insbesondere die zivile Zwangsarbeit, weder im Fokus der Wissenschaft noch der Öffentlichkeit. Parallel zu einer insgesamt mangelhaften justiziellen Aufarbeitung spielte das Thema Zwangsarbeit auch in der Erinnerungskultur keine Rolle. Für die Bevölkerung war die Anwesenheit von Zwangsarbeitern in Deutschland eine Normalität im Kriegsalltag, ein Unrechtsbewusstsein gab es so gut wie nicht. Bauliche Relikte, die nach dem Krieg noch in großer Zahl existierten, wurden umgenutzt und nach und nach abgerissen. Heute zeugen nur noch wenige Überreste vom einstigen Lagerkosmos.

Wie so oft gab erst bürgerschaftliches Engagement in Deutschland den Anstoß für eine breitere Auseinandersetzung mit dem Thema. Seit den 1980er Jahren befassten sich lokale Geschichtswerkstätten mit der NS-Vergangenheit und auch mit dem Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Erst mit der Entschädigungsdebatte rückte die Zwangsarbeit in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. In Deutschland gibt es heute eine Vielzahl kleiner Gedenkorte. Mit dem Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit existiert seit 2006 erstmals ein zentraler Erinnerungsort an die zivile Zwangsarbeit, der in dieser Form einzigartig in Europa ist.

Wie aber steht es um Erinnerungsorte an NS-Zwangsarbeit in anderen europäischen Ländern? Im Laufe des Krieges wurden etwa 26 Millionen Menschen zur Zwangsarbeit eingesetzt, 13 Millionen davon im Deutschen Reich, weitere geschätzte 13 Millionen in den besetzten Gebieten. Es ist also die Frage, ob und wie an den Orten, an denen Zwangsarbeiter untergebracht oder zur Arbeit eingesetzt wurden, dieser gedacht und ob in den Herkunftsorten und –ländern der Zwangsarbeiter an diese erinnert wird. Einem solchen Gedenken stand in den meisten Ländern nach dem Krieg eine ablehnende Haltung gegenüber den ehemaligen Zwangsarbeitern im Wege. Sie standen unter dem Pauschalverdacht der Kollaboration, in der Sowjetunion drohte vielen erneut Lagerhaft und Zwangsarbeit. Aber auch in westlichen Ländern blieb ihnen jahrzehntelang die Anerkennung als NS-Opfer verwehrt. All das stand und steht teilweise heute noch der Einrichtung von Gedenkorten im Wege.

Der Vortrag versucht, einen kurzen Überblick zu geben über Erinnerungsorte in den einzelnen europäischen Ländern. Daneben will er aber auch die Lücken aufzeigen und auf aktuelle Entwicklungen eingehen. Schwerpunktmäßig wird es dabei um die zivilen Zwangsarbeiter als größte Gruppe und deren Repräsentanz im Gedenken gehen.

 

Uta Fröhlich, M.A., studierte Osteuropäischen Geschichte und Slawistik in Köln und Berlin. Sie war Kuratorin der 2013 eröffneten Dauerausstellung “Alltag Zwangsarbeit” sowie der im November 2015 eröffneten Sonderausstellung “Batterien für die Wehrmacht” des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide.

Uta Fröhlich, Berlin
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